Nicht der Mercedes-Motor, sondern nur das Chassis ist ein "Reifenfresser", wie die jüngsten McLaren-Siege in Ungarn, Belgien und Italien beweisen
© Foto: McLaren
Dass der aktuelle Mercedes F1 W03 die Reifen zumindest unter gewissen Bedingungen schneller verschleißt als so manches andere Fahrzeug, ist im Formel-1-Paddock kein Geheimnis. Die Theorie, dass das vor allem am FO-108Z-V8-Motor liegen könnte, verweist Mercedes-Sportchef Norbert Haug aber als "Mär" ins Reich der Fabeln.
"Ich weiß nicht, wie ein reifenfressender McLaren Rennen gewinnen kann", erklärt er gegenüber 'Motorsport-Total.com'. Chassisseitig sei das Thema beim Mercedes-Werksteam "vielleicht nicht gelöst", räumt Haug ein, aber dem Motor möchte er den Schwarzen Peter nicht zuschieben: "Das ist durch nichts belegt, sondern eine reine Vermutung. Wie kann ich mit einem reifenfressenden Motor drei Rennen hintereinander gewinnen? Wir haben das Thema nicht."
Auf allen Streckentypen konkurrenzfähig
"Mit unserem Motor kann man mit den Reifen umgehen, man kann damit gewinnen", führt Haug die McLaren-Siege auf so konträren Strecken wie Budapest, Spa-Francorchamps und Monza als Argumente an. Damit deckt Mercedes als Motorenlieferant alle Enden des Spektrums ab, denn während der Hungaroring eine der kurvenreichsten und engsten Strecken ist, gilt Monza als der Hochgeschwindigkeits-Kurs schlechthin. Spa liegt irgendwo in der Mitte.
Bei McLaren freut man sich über diese Vielseitigkeit: "Ungarn haben wir ja auch dominiert, und das ist eine ganz andere Strecke", meint Teamchef Martin Whitmarsh, von 'Motorsport-Total.com' auf das Thema angesprochen. "In früheren Jahren wäre man sehr zuversichtlich gewesen, dass es so erfreulich weitergeht, wenn man Ungarn, Spa und Monza gewonnen hat. Tatsache ist aber, dass wir dieses Jahr nichts als gegeben betrachten, mit diesen Reifen und unter diesen Umständen."
Haug nickt zustimmend: "Es sind ganz unterschiedliche Strecken, auf denen McLaren gewonnen hat - Ungarn und Monza können ja nicht gegensätzlicher sein. Auf beiden Strecken funktioniert das Auto und auf beiden Strecken hilft der Motor. Der Motor ist nicht nur hier gut - der hat sechs von 13 Rennen gewonnen. Das ist eine sehr ordentliche Trefferquote von fast 50 Prozent. Und da gab's noch mehr Chancen. Seit 2009 hat kein Hersteller mit seinen Motoren mehr Punkte geholt."
Erfolgreichster Formel-1-Hersteller seit 1994
Wir haben nachgerechnet - und Haug liegt richtig: Seit Saisonbeginn 2009 kommt Mercedes auf 2.155 Punkte und liegt damit vor Renault (2.106,5) und Ferrari (1.329). Sogar seit dem Formel-1-Einstieg 1994 ist Mercedes mit 3.790 Punkten die Nummer eins vor Renault (3.742,5) und Ferrari (3.637) - die Renault-Ableger Supertec, Playlife und Mecachrome einmal ausgeklammert und ohne Berücksichtigung der seither veränderten Wertungssysteme.
Dem Mercedes-Motor sagt man nach, der leistungsstärkste im Feld zu sein, wenn es um Top-End-Power geht, wohingegen dem Renault-Triebwerk der Ruf vorauseilt, über eine besonders gute Drehmomentkurve und damit die beste Fahrbarkeit zu verfügen. Aus PR-Sicht ist der leistungsstärkste Motor möglicherweise prestigeträchtiger, aber Haug winkt bei solchen Gedankenspielen ab: "Mir ist der Motor am liebsten, der gewinnt."
"Der beste Motor ist der, der die meisten Rennen gewinnt. Das haben wir getan in diesem Jahr", stellt Haug fest und rechnet vor: "Sechs Siege in 13 Rennen holt man nicht mit einem schlechten Motor." Zum Vergleich: Renault konnte bisher vier Siege auf sein Konto verbuchen, Ferrari drei. Nur Cosworth hat seit dem Wiedereinstieg in die Formel 1 im Jahr 2010 noch gar nicht gewonnen, hat aber auch keine siegfähigen Kundenteams.